Impfmythen – absurd, aber leider mit erschreckenden Folgen

Beitrag vom 19.12.2019

Was Impfungen der Menschheit Positives bringen, haben wir ausführlich im letzten Beitrag erfahren. Aber der Mensch wäre ja nicht der Mensch, wenn er nicht überall, wo es Positives gibt, akribisch Ausschau nach Negativem, Bösen und Schrecklichem halten würde. Die Geschichte der Impfungen ist deshalb auch gleichzeitig die Geschichte der Impfgegner – und der Impfmythen.

Impfpflicht – keinesfalls neue Erfindung

Bereits im Kaiserreich wurde der Nutzen, besonders der Pockenimpfung, geschätzt. Deshalb existierte auch eine staatliche Impfpflicht. Ich betone nochmal – im Kaiserreich, vor nahezu 250 Jahren. Aber die Menschen damals waren nicht anders als heute. Es bildeten sich „Impfzwanggegnervereine“, die sich rasch zum modernen Club entwickelten.

1876 erschien sogar eine regelmäßige Zeitschrift „Der Impfgegner“. Das Phänomen, dass unwissende Menschen hochemotional und angstschürend unwissenschaftlichen Blödsinn völlig glaubhaft an den Mann bringen, ist nicht erst mit dem Internet gekommen, nein, es existierte schon, seit es Impfungen gibt!

Der verirrte Impfgegner Immanuel Kant

Sogar berühmte und respektierte Persönlichkeiten hatten solche Verirrungen. Ein Beispiel: Sie kennen Immanuel Kant? Berühmter Philosoph des 18.Jahrhunderts, ein fortschrittlicher Verfechter des Wissens und der Aufklärung. Nur bei Impfungen hat sein messerscharfer Verstand kurz ausgesetzt. Wer sich gegen Pocken impfen lasse, der „wagt sein Leben aufs Ungewisse“, denn der tierische Pockenimpfstoff übertrage das Animalische auf den Menschen. Zum Glück fiel ihm nach einigen Jahren (und der Erkenntnis des durchschlagenden Erfolges der Pockenimpfung) sein Irrtum selbst auf.

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

sagte Kant einst. Gut, kein  Problem, das hat er selbst auch geschafft. Das kriegen wir also auch hin!

Kommen wir ein Stückchen näher in unsere Zeit. 1881 erschien die Kampfschrift “Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage”. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort. Von Eugen Dühring, einem der wichtigsten Vordenker des späteren Nationalsozialismus und der mit ihr verbundenen Rassenlehre. In ihr behauptete er, das Impfen sei ein Aberglaube, von jüdischen Ärzten aus Gründen der persönlichen Bereicherung erfunden.

Impfmythos

Heute sind die „Argumente“ der Impfgegner vor allem eins (also neben absurd): sie sind emotional und schüren die Ängste der Menschen. Ich zähle nur mal ein paar auf: ABER bitte holen Sie vor dem Weiterlesen Ihren Aluhut raus!

  • Impfungen verursachen Autismus.
  • Impfungen verkrüppeln den Menschen.
  • Impfungen werden auf Krebszellen gezüchtet und lösen Krebs aus.

Wollen Sie, dass Ihre Kinder solch schreckliche Krankheiten bekommen? Nein? Ich auch nicht! Aber genau mit dieser Angst spielen die Impfgegner. Von Belegen für diese Behauptungen fehlt natürlich jede Spur, aber die Angst ist erstmal gesetzt.

Das nächste Beispiel: Impfgegner behaupten ja gerne, dass Impfungen nicht wirken würden. Als der Polioimpfstoff in den 60er Jahren kam und die Polio unmittelbar danach drastisch sank (bis in die 80er Jahre um 99% weltweit inklusive aller Entwicklungsländer), meinten Impfgegner, dass dieser Erfolg nicht der Leistung der Impfung zu zuschreiben sei. Sondern der Verbesserung der Hygiene und Ernährung. Nur mal nebenbei: auch gut ernährte Menschen mit top Hygiene können sich mit Polio infizieren. Aber dieses Argument zwingt einen, erstmal darüber nachzudenken, ob es nicht doch richtig sein könnte. Auch wenn es völliger Unsinn ist.

Nächstes Beispiel: Impfungen helfen nur gegen völlig harmlose Kinderkrankheiten. Ja, Impfgegner behaupten ab und zu, wenn es ihnen dient, dass Impfungen doch helfen. Ich zähle mal ein paar Kinderkrankheiten auf, die sicher jeder schon mal hatte und unbeschadet überstanden hat:

  • Tollwut
  • Gelbfieber
  • Wundstarrkrampf

Ach – Sie hatten noch keine Tollwut??? Seien Sie froh, denn die Tollwut hat eine Sterblichkeitsrate von nahezu 100%.

Impfgegner behaupten auch gerne, dass Kinderkrankheiten den Körper stärken würden. Wenn man als Kind jetzt beispielsweise Diphterie bekommt, in Folge derer oft Schädigungen des Herzens oder der Lunge auftreten, und dieses Kind dann Zeit seines Lebens eine Herzschwäche behält, nie Sport machen kann, wurde es durch die Erkrankung dann gestärkt? Ich weiß gerade nicht, bitte helfen Sie mir mal auf die Sprünge …

Nächstes Beispiel: Die Pharmaindustrie: böse, geldgeil, kurz: der Antichrist! Das Pharmageddon! Die Pharmamafia! Denn diese besagte Institution würde Milliarden mit Impfungen verdienen. Deshalb möchte ich diese Milliarden gerne mal nachrechnen. Der Grippeimpfstoff Afluria kostet 10,71€. Wow – da sind wir der Milliarde schon einen Schritt näher gekommen.

Der Diphterieimpfstoff von Novartis kostet 8,81€. 8€! Die geldgeilen Pharmamenschen! Der Mumps-Masern-Röteln-Impfstoff Priorix kostet 34,51€. Ich könnte noch andere Impfungen aufzählen – am Ergebnis ändert sich aber nichts. Impfungen sind spottbillig und da verdient kein Mensch was mit.

Ein weiteres Beispiel, welches ich letztens gelesen habe, ließ mich erstmal 30 Minuten laut lachen, bevor mir klar wurde, dass eine Schweizer Heilpraktikerin folgendes tatsächlich ernst meinte: geimpfte Kinder masturbieren viel öfter als ungeimpfte! Dem stimme ich auch absolut zu. Denn die geimpften Kinder werden alt genug, um das Hauptmasturbationsalter zu erreichen.

Es stellt sich eher die Frage, warum ein völlig normales jugendliches Verhalten, das nur einigen Eltern unangenehm ist, als Impfschaden deklariert wird. Vielleicht sollte man auch über andere unangenehme/pseudounangenehme Verhaltensweisen, die mögliche Impfschäden darstellen, nachdenken, z.B. Vorliebe zu Leggins, das Folgen von YouTubern oder verbale Entgleisungen a la Jugendsprache. Chill mal!

Ich würde mir wünschen, dass in der Packungsbeilage der Impfseren ausführlich über das Risiko von Masturbation, Popmusik, Einhörnern und Glitterschuhen aufgeklärt wird. Wo ist Ihr Aluhut?

Laut Impfgegnern kann man alternativ aber homöopathische Impfnosoden verwenden. Diese sollen völlig frei von Komplikationen und hocheffektiv wirksam sein. Das beruht wohl auch auf ihrer Herstellung, denn sie werden aus Krankheitserregern und deren Ausscheidungsprodukten ganz natürlich hergestellt. Lecker! Sie haben Ihren Aluhut noch auf? Gut! Nicht absetzen! Und das Wichtigste: dieses wunderbare alternative Mittelchen gibt es schon zum kostengünstigen 3-stelligen Eurobetrag. Moment?! Hier kommen wir der Milliarde doch langsam näher. Die böse Pharmaindust… Oh, sind impfgegnerische Homöopathen eigentlich auch die Pharmaindustrie? Nur gut getarnt? Nur getroffene Hunde bellen?

Vom Impfgegner zum Impfkritiker

Aber die Impfgegner haben mittlerweile erkannt, dass ihr Image mehr als nur bescheiden ist. Deshalb wird das Wort „Impfgegner“ auch vermieden. Vielmehr heißen sie jetzt „Impfkritiker“ oder „impfkritische Eltern“, die bewusst impfen, was sie möchten und den Zeitpunkt für die Impfungen selbst bestimmen. Nicht etwa der Arzt, der mindestens 6 Jahre studiert und sich intensiv mit der Materie beschäftigt hat, der den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts folgt. Nein! Herr Robert den Iro, Schauspieler, wissenschaftlich unbeleckt, entscheidet selbst, wann und wie sein Söhnchen geimpft wird. Woher er seine Expertise hat? Ja, das würde ich auch gerne wissen. Mir ist aber vom vielen Kopfschütteln zu schwindelig, um darüber nachzudenken.

Liebe Leser, seien Sie auf der Hut vor Impfkritikern, ehemals Impfgegnern. Denn ihre Taktik ist immer dieselbe: Angst machen, unwissenschaftlichen Mist erzählen und am Ende beleidigen oder Gewalt androhen. Kein Quatsch, in den USA gibt es eine impfkritische Gruppe, die öffentlich impfbefürwortende Menschen mit Gewalt bedroht – und das alles im Namen der Widersetzung gegen die Regierung. Hiermit möchte ich heute enden. Sie können jetzt Ihren Aluhut abnehmen, die Gefahr ist gebannt. Bis zum nächsten Beitrag,

Ihr SIBAmed Studienteam